Von den Häusern

Gerade gelesen 🙂 Zwischen all dem Baulichen auch etwas Philosophisches:

Dann trat ein Maurer vor und sagte: “Sprich zu uns über Häuser!”

Und er antwortete:

Baut euch im Geiste eine Laube in der Wildnis, ehe ihr ein Haus innerhalb der Stadtmauern baut!
Denn gerade so wie ihr heimkehrt, wenn es euch dämmrig erscheint, so kehrt auch der Wanderer in euch heim, der ewig fern und einsam ist.

Euer Haus ist euer zweiter Körper.
Es wächst in der Sonne und schläft in der Stille der Nacht; und es ist nicht ohne Träume.
Hat euer Haus nicht Träume und verlässt träumend die Stadt hin zu Hain und Hügel?

Könnte ich eure Häuser doch in meiner Hand fassen und sie einem Sämann gleich in Wald und Flur hinstreuen!
Wären doch die Täler eure Straßen und die grünen Pfade eure Gassen,
auf dass ihr einander durch die Weinberge besuchen könntet und mit dem Duft nach Erde in den Kleidern zueinander kommt.

Doch all dies soll noch nicht geschehen.

In ihrer Furcht brachten euch eure Vorfahren zu nahe zusammen; und diese Furcht wird noch ein wenig länger währen.
Eure Stadtmauern werden die warmen Plätze in euren Häusern noch eine Weile von euren Feldern trennen.

Und sagt mir, ihr Leute von Orphalese, was habt ihr in diesen Häusern? Und was ist es, das ihr mit starken Toren schützt?
Ist es der innere Friede, das leise Verlangen, das eure Kraft offenbart?
Sind es Erinnerungen, die wie schimmernde Bogen die Gipfel des Geistes überspannen?
Ist es Schönheit, die das Herz von Dingen aus Holz und Stein wegführt hin zum heiligen Berg?
Sagt mir, habt ihr all dies in euren Häusern?

Oder gibt es darin nur Bequemlichkeit und die Lust nach Bequemlichkeit,
die sich verstohlen als Gast ins Haus schleicht, dann zum Gastgeber und schließlich zum Hausherrn wird?

Ja, sie macht euch gefügig, und mit Haken und Peitsche macht sie sich eure größeren Begierden untertan.
Wiewohl sie seidenweiche Hände hat, ist ihr Herz aus Eisen.
Sie wiegt euch in den Schlaf, nur um dann an eurem Bett zu stehen und des Fleisches Würde zu verhöhnen.
Sie macht sich lustig über euren gesunden Verstand und packt ihn in Watte ein, als sei er ein zerbrechliches Gefäss.

Wahrlich, die Lust nach Bequemlichkeit mordet die Leidenschaft der Seele und schreitet dann grinsend im Leichenzug mit.
Ihr aber, Kinder des Alls, ihr Rastlosen selbst in der Ruhe, ihr sollt nicht in ihre Falle gehen noch euch von ihr gefügig machen lassen!

Euer Haus sei kein Anker, sondern ein Mast!
Es sei kein schimmerndes Wundhäutchen sondern ein Lid, das euer Auge schützt.

Ihr sollt nicht eure Flügel falten, um durch Türen zu kommen, noch sollt ihr den Kopf beugen, um nicht an die Decke zu stossen,
oder Angst haben, zu atmen, damit die Wände nicht bersten und einfallen!

Ihr sollt nicht in Grüften wohnen, welche die Toten für die Lebenden erbauten!
Und mag euer Haus voll der Pracht und Prunk sein, es wird euer Geheimnis nicht bewahren, noch der Hort eures Sehnens sein.

Denn was grenzenlos in euch ist, wohnt im Schloss am Himmel,
dessen Tor der Morgennebel ist und dessen Fenster die Lieder und die Stille der Nacht sind.

Khalil Gibran (2011): Der Prophet, Patmos-Verlag, Ostfildern, S. 38-41 oder Online

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s